aus dem Gemeindebrief „Begegnung“ September 2013

aus dem Gemeindebrief „Begegnung“ September 2013:
von Stefan El Karsheh

Gott und Freiheit im Internetzeitalter

„Guten Tag, Herr El Karsheh. Seit Ihrem letzten Besuch im März haben wir unser Angebot für sie optimiert. Besuchen Sie uns doch im dritten Stock in der Herrenboutique oder in der fünften Etage in der Elektronikabteilung“. Was mich am Eingang eines realen Kaufhauses – z.B. durch eine Nachricht auf meinem Mobiltelefon – entsetzen und empören würde, das ist im Internet längst Alltag. Wir alle wissen, was heute durch Speicherung großer Datenmengen möglich ist. Es ist unfassbar, was google, facebook oder amazon über uns gespeichert haben. Der Satz „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, interessieren sich auch für …“ ist nur ein kleines Beispiel, wie Kundendaten verknüpft werden. Es soll mir die Auswahl erleichtern, mir mehr Freiheit geben bei der Suche nach Produkten, die mich interessieren könnten. Mehr Freiheit, stimmt das? Als vor einiger Zeit facebook sein Profilsystem umstellte auf timeline, wurde das als große Innovation für die Nutzer gefeiert. Jetzt gehe kein Schritt, keine Notiz und kein Foto mehr verloren. Facebook sichere mir mein online Lebensarchiv. Angesichts der schnelllebigen Zeit, in der man leicht den Überblick verliert, sicher ein verführerisches Angebot. Aber größere Freiheit? Was ich einmal ins Netz gestellt habe, das habe ich verloren. Es ist nur unter Aufbietung größter Anstrengungen möglich, Informationen von den Servern der Großen entfernen zu lassen. Und wie schnell diese Daten sogar in die Hände von Geheimdiensten gelangen, zeigt, wie unfrei ich darin bin, über meine Daten zu verfügen. Ich fühle mich angesichts dieser Entwicklung alles andere als frei im Internet. Und ich wundere mich, wie unbefangen die Nutzer heute mit diesem Medium umgehen. Es hat in der Literatur immer schon die Fiktion einer allwissenden Rechenmaschine gegeben, die alle möglichen Daten sammelt und alles über uns weiß. In der Fantasie der Autoren hießen diese Supermaschinen „Mother“ oder „Big Brother“. Heute wird das Gesamtwissen der Mensch¬heit auf eine Größe von 14 Gigabyte geschätzt. Ein Geheimdienst der USA baut gerade in Utah einen Rechnerkomplex, der das 400fache davon speichern kann. Damit bekommt die Technik beinahe „göttliche“ Dimensionen. Die Allwissenheit galt bislang als Attribut Gottes. Wird ihm das die Technik streitig machen können? Sollte das der Fall sein, bekäme das Gebot, du sollst keine anderen Götter neben mir haben, eine neue Qualität. Es sollte uns nachdenklich stimmen, wie aggressiv die Kommunikationstechnik nach uns greift. Es gibt kaum noch Entkommen. Ich glaube nicht, dass unsere Freiheit größer geworden ist. Vieles soll uns erleichtert werden, doch um den Preis, dass wir viel – zu viel – von uns preisgeben. Und mit unseren Daten wird gehandelt. Es gibt Firmen, die sich darauf spezialisiert haben, Daten zu verknüpfen und daraus Vorhersagen zu erstellen. Zum Beispiel, um das Kaufverhalten von Kunden zu prognostizieren. Oder um den Straßenverkehr zu entlasten oder kriminelle Brennpunkte auszumachen. Das Ziel ist ein Blick in die Zukunft. Wir werden in unseren Gewohnheiten ausspioniert, wir sind berechenbar, viel berechenbarer als uns lieb ist. Wo bleibt da die Intuition, die Spontaneität, das Handeln aus dem Bauch heraus? Sind das mehr als Abweichungen von einem Normverhalten? Dies alles führt mich zu der Überzeugung, dass wir in Wahrheit keine Freiheit dazugewinnen. Es ist wohl eher wie auf dem Titelfoto dieser

Ausgabe der Begegnung aufgeschnappt: Ein großes Plakat wirbt mit glücklichen Menschen für einen Internetanbieter. Die frei umherfliegenden Blasen symbolisieren Leichtigkeit und Freiheit. Darunter steht ein beschädigter Gefangenentransporter. Ein Widerspruch oder ein stimmiger Zusammenhang? Theologisch kommt noch ein wichtiger Faktor ins Spiel: Das Netz stellt eine wichtige Funktion nicht zur Verfügung: Das Vergessen. Das, was uns als lästige Erfahrung im Alltag zusetzt, ist auch eine gnädige Institution unseres Lebens. Vergessen können, bedeutet, hinter sich lassen. Vergessen bedeutet, neu anfangen. Das Leben frei bekommen für Neues. Wo das nicht geht, bin ich auf alles behaftet, was ich jemals gesagt und getan habe. Und alle können das kontrollieren. Damit ist der theologische Begriff Vergebung berührt. Das Netz vergibt nichts. Zwar sind Vergeben und Vergessen nicht dasselbe. Es gibt genügend Erlebnisse, die ich vergeben kann, aber nicht vergessen. Doch es gibt viele Erlebnisse, die nach einem Akt der Vergebung aus der Welt sind, aufgehoben. Doch das ist im Netz kaum möglich. Das ist die Unbarmherzigkeit des peniblen Buchhalters. Auch eine Rolle, die man Gott lange zugeschrieben hat: Er speichert alles, was wir tun, wie ein Buchhalter, der am Ende aller Tage vor mir steht, seinen großen Spiralblock aufschlägt und mir vorhält, was ich alles getan und gelassen habe. Auch diese Rolle hat längst eine andere Institution übernommen – nur dass sich heute kaum jemand davor fürchtet. Am Ende dieser Überlegungen will ich keinen Ratschlag zum Umgang mit dem Internet geben. Wir können aus diesem System nicht heraus, wir sind ein Teil davon und müssen damit leben. Doch wir sollten nicht aufhören, kritisch zu beobachten. Auch die Theologie bietet eine eigene Betrachtungsweise, die uns zu Einsichten über die menschliche Freiheit und Vergebung führen. Von uns sollte immer wieder der Impuls zur Freiheit und zur Vergebung ausgehen. Wir sollten vergeben und Neuanfänge ermöglichen – uns und anderen. Denn dies ist der wirklich göttliche Impuls an uns. Und wir sollten nicht übersehen, wo die Freiheit, die ein sensibles Gut ist, in Gefahr gerät. Sie ist ein wichtiges Erbe der Reformation, die wir im nächsten Monat feiern.

Ihnen und Euch allen einen guten Start ins neue Kairo Jahr undGottes Segen wünscht Pastor Stefan El Karsheh

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