Gemeindegeschichte

Als  Ableger der Evangelischen Gemeinde in Alexandria gründete sich am 28. Februar 1864 die Deutsche Evangelische Gemeinde in Kairo. Im Rahmen der Feierlichkeiten zur Eröffnung des Suezkanals 1869 schenkte der damalige Herrscher Ägyptens, Khedive Ismael, der Gemeinde ein Grundstück. Es lag in der neuen Innenstadt Kairos, in Ismailia, dem heutigen Downtown oder Wust Al-Balad. Die Gemeinde ließ hier eine Kirche und ein Schulgebäude mit Pfarrwohnung bauen. Inzwischen erheblich an Mitgliedern gewachsen und mit der Errichtung ihrer Gemeindegebäude unabhängig geworden, lösten sich die Kairoer von Alexandria und wurden mit einer eigenen Pfarrstelle selbständig. Nach langen Debatten wurde Anfang des letzten Jahrhunderts beschlossen, diese Kirche aufzugeben und eine neue geräumigere auf einem mehr als doppelt so großen Grundstück in Boulak zu bauen. Neben der im neoklassizistischen Stil mit Jugendstil Elementen erbauten Kirche ließ die Gemeinde auch ein stattliches Pfarrhaus, ein großes Schulgebäude mit Pensionat und einen Kindergarten errichten. Am 21. April 1912 wurde die Kirche im Rahmen eines mehrtägigen Festes eingeweiht.

Als Kriegsgegner Großbritanniens im 1. Weltkrieg wurde auch in Ägypten, das ja unter britischem Protektorat stand, deutsches Eigentum beschlagnahmt. Die Gemeinde durfte bis 1933 ihr Gelände nicht benutzen, nur die Kirche stand ihr für gelegentliche Gottesdienste zur Verfügung. Durch den persönlichen Einsatz des Archäologen Ludwig Borchardt erhielt die Gemeinde ihren Besitz vollständig zurück. Mit der Amtszeit von Pfarrer Karig (1926 – 1935) weitete sich das Gemeindegebiet auf Alexandria aus, da die deutsche Gemeinde dort während des 1. Weltkrieges in einer internationalen protestantischen Gemeinde aufgegangen war.

1935 wurde Pfarrer Schreiner vom Leiter des Kirchlichen Außenamtes nach Kairo geschickt, obwohl von dort ein Schreiben eingegangen war: „Berufung Schreiners im Namen von Partei, Gesandtschaft und Gemeinde abgelehnt.“ Eine Gruppe von Nationalsozialisten wollte die deutsche evangelische Gemeinde verstanden wissen als einen Ort, an dem das „Deutschtum“, und zwar im Sinne des Nationalsozialismus, bestimmend sei. Bis heute sind die Akten, die das Gemeindeleben bis 1946 belegen könnten, unauffindbar. Erhalten sind allerdings einige Fotodokumente, die Versammlungen der Nazis auf dem Kirchengelände zeigen sowie die gehisste Hakenkreuzfahne neben dem christlichen Kreuz des Kirchturmes.

Bei Kriegsausbruch 1939 wurde die Verantwortung über das kirchliche Eigentum der Diakonieschwester Hanna Freitag übertragen. 1949 wurde mit 25 Mitgliedern die erste Gemeindeversammlung abgehalten und der ägyptische Generalsequester um Rückgabe der Kirche an die Gemeinde gebeten. Erst 1951 durften das erste Mal Gemeindeglieder die Kirche wieder betreten, die sich in einem sehr verwahrlosten Zustand befand. In den vielen kirchenlosen Jahren war der Gemeinde für ihre Aktivitäten nur das Altenheim in Fagalla geblieben.

Pfarrer Höpfner (1951 – 1959) musste nach dem 2. Weltkrieg einen Neuanfang bewältigen, wobei alle kirchlichen Gebäude (bis auf das Haus in Fagalla) während seiner Amtszeit unter ägyptischer Zwangsverwaltung blieben. Der Kampf um die Rückgabe des Gemeindeeigentums beschäftigte auch seinen Nachfolger Pfarrer Kremkau (1959 – 1965) weiter. Schließlich gab der Kirchenvorstand 1961 der Bundesrepublik für den erheblich vergrößerten Neubau der evangelischen Schule seine Zustimmung zum Kauf eines Geländes im Kairoer Bezirk Dokki.

1962 wird in Zamalek eine Gemeindewohnung als Pfarrwohnung und für kleinere Veranstaltungen angemietet. Diese im Laufe  der Jahre als Gemeindezentrum verwendete Wohnung musste leider im Sommer 2012 aufgegeben werden.

Als die VAR Ägypten die DDR anerkannte, brachen 1965 die diplomatischen Beziehungen zur BRD ab. Dadurch sank die Zahl der Deutschen in Kairo und auch die der Gemeindeglieder. Einen Umschwung gab es erst wieder mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen 1972. Dennoch stiegen die Gemeindegliederzahlen nicht an. Der seit Ende des 2. Weltkriegs zugenommene Säkularisierungsprozess wirkte sich auch auf die Auslandsdeutschen aus. Nach dem 7-Tage -Krieg sank die Zahl der Deutschen und auch der Gemeindeglieder noch einmal drastisch.

1967 zwang eine Gesetzesänderung die Gemeinde das Haus in Fagalla aufzugeben. Eine „gemischte“ Nutzung (alte und kranke Menschen sowie junge Durchreisende) war nicht mehr möglich, die Finanzierung nicht gesichert. So verkaufte die Gemeinde das Haus, um mit diesem Erlös die Sanierung der renovierungsbedürftigen Kirche vorzunehmen.

Das Grundstück in Boulak mit der alten Schule, dem Pfarrhaus und der Kirche war der Gemeinde zwar unter der Bedingung der weiteren Vermietung an die ägyptische Finanzbehörde rückübertragen worden, die vollständige Verfügungsgewalt jedoch erfolgte erst am 30.4.1969. Die gesamte Anlage war seit dem Umzug der Schule nach Dokki für Gemeindezwecke zu groß, neue Mieter konnten zunächst nicht gefunden werden. So wurde entschieden, das gesamte Grundstück mit Ausnahme der Kirche Ende des Jahres 1969 an den ägyptischen Zeitungsverlag „Al Ahram“ zu verkaufen. Ein Teil des Erlöses wurde für den Neubau der Deutschen Evangelischen Oberschule (DEO) bereit gestellt. Die Gemeinde übernahm die Trägerschaft der Schule, die Finanzierung und Organisation dagegen lag nun bei deutschen Behörden.

Aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg gab es noch im ehemaligen Kurort Helwan, heute ein Stadtteil Kairos, eine deutsche Kapelle, die wegen deutschsprachiger ausbleibender Gottesdienstbesucher nicht mehr gebraucht wurde. Die koptische Kirche interessierte sich für das Gebäude und erwarb sie im März 1970.

Nach dem Verkauf des Hauses in Fagalla musste neuer Wohnraum für die Gemeindeschwestern gefunden werden. Deswegen wurde für die Pfarrfamilie ein Haus in Dokki angemietet, die Schwestern zogen ins Gemeindezentrum nach Zamalek. Während des Baus der Hochstraße in der Sharia Galaa 1976/77 wird das Gemeindezentrum auch für Gottesdienste genutzt.

1975 wird das 100-jährige bestehen der DEO gefeiert und eine neue Schulordnung verabschiedet. Im Dezember 1976 zieht die DEO von Zamalek nach Dokki, die Einweihung erfolgt am 12.2.1977.

In den folgenden Jahrzehnten findet das Gemeindeleben in der Kirche in Boulak sowie im Gemeindezentrum in Zamalek, das inzwischen auch als Pfarrwohnung benutzt wurde, statt.

Die ägyptische Revolution vom 25. Januar 2011 machte deutlich, wie innenstadtnah der ehemalige Randbezirk Boulak mit der evangelischen Kirche in den letzten Jahrzehnten geworden war. Nur 20 Gehminuten vom Tahrir Platz entfernt, wurde die Kirche und ihre Besucher öfter Zeuge von Demonstrationszügen und Auseinandersetzungen. Mehrere Male mussten deswegen Veranstaltungen kurzfristig abgesagt werden. Aber Ziel dieser politischen Unzufriedenheit war die Kirche und ihre Gemeinde bisher zu keinem Augenblick.

Eine ausführliche Darstellung zur Gemeindegeschichte und auch zur Orgel der Kirche, eine erhaltene historische Walcker Orgel, zur Geschichte der deutschen Diakonie in Kairo, zur Architektur und Baugeschichte der deutschen evangelischen Kirchen  in Kairo und zur gesellschaftspolitischen Situation im Einweihungsjahr 1912 finden Sie in unserer Festschrift, die anlässlich des 100jährigen Gemeindejubiläums von der Deutschen Evangelischen Gemeinde und dem Redaktionsteam von Pastorin Andrea Busse, Dr. Gisela Fock, Angelika Marks und Dr. Vittoria Capresi verfasst und herausgegeben wurde. Erworben werden kann die Publikation in Kairo bei der Gemeinde und in Deutschland im Buchhandel oder direkt bei der Heenemann Verlagsgesellschaft mbH, Bessemerstraße 83-91, D-12103 Berlin, Internet: bestellung@hevg.de

Die Deutsche Evangelische Gemeinde in Kairo besteht seit 1864. Bis zu diesem Jahr gehörten die Evangelischen in Kairo zur Deutschsprachigen Gemeinde in Alexandria. Am 28. Februar 1864 wurde dann das Gründungsprotokoll unterschrieben, am 3. November 1872 die erste Kirche eingeweiht. Nach