Wie antwortest Du auf eine Bombe?

Ein Bericht von Birgit Hämmerle aus Alexandria

Dynamit, spitze Metallteile, Schraubenmuttern. Sie zerfetzen, in eine Bombe vor der koptischen Al-Qiddisien-Kirche gepackt, an Neujahr 2011 25 Gottesdienstbesucher und fügen 117 anderen z.T. komplizierte Verletzungen zu. Es sind oft mehrere Mitglieder derselben Familie, die multipel verletzt werden, auffallend Viele haben zersplitterte Beinknochen und, ausgelöst durch den durchdringenden Knall, geplatzte Trommelfelle.

Eine Welle der Sympathie setzt ein, halb Alexandria pilgert zu den Krankenbetten, geschützt von Polizei-Hundertschaften, die lange Zeit das Viertel bewachen. Als die Woge abebbt, bin ich als Deutsche schon in einige Fälle einbezogen, die nach Süddeutschland zur Behandlung kommen. Ich habe ein Schreibprojekt zurückgestellt und bin als Koordinator verschiedener Hilfsbemühungen mal unterwegs, mal hinter dem PC aktiv.

Einmal gilt es, im Krankenhaus und zuhause die Menschen zu besuchen, hierbei helfen Mitglieder der internationalen ACC Gemeinde in Alex tatkräftig und in Teams eingeteilt mit. Da die Gegend als nicht sicher gilt, formieren sich immer „Beschützer“, Fahrer, Hilfeleistende und Übersetzer, um die Besuche zu machen. Wir bespielen viele MP3-Player mit geistlicher Musik und biblischen Texten, etwa aus dem Buch Hiob und geben sie an Trauernde und Versehrte weiter. Vom Keks bis zum Teddybär verteilen wir, was nötig ist, beten an Betten und Sofas. Der englische Pastor bietet ein Trauma-Seelsorge-Seminar an, das aber von der koptischen Leitung nicht nachgefragt wird. Von allen Betroffenen werden Besuche, Unterstützung und Trost gern angenommen. In einigen dramatischen Fällen können Verschlechterungen aufgefangen werden, weil die Menschen sich durch die menschliche und finanzielle Unterstützung ermutigt fühlen, Hilfe zu suchen, die sie nicht erhofft hatten.

Mit der deutschen Botschaft, dem koptischen Bischof in Deutschland, Krankenhäusern in Alexandria und München wird die Überstellung der Schwerstverletzten erarbeitet und begleitet. Ich mache mich in Deutschland und Österreich auf die Suche nach weiteren Hospitälern für andere Fälle, ein 9-jähriges Mädchen kommt auf diese Weise in Augsburg zu verschiedenen Operationen an Ohren und Zehen und wird von unseren Freunden dort besucht. Während der Evakuierung meiner Familie zur Zeit der Revolution kommt es in Deutschland dazu, dass eine befreundete Gemeinde 8 Rollstühle für die Kopten nach München und Augsburg spendet und transportiert.

Pfr. Axel Matyba stellt das Konto der Gemeinde in Kairo zur Verwaltung eingehender Spenden zur Verfügung. Das hohe Interesse von Christen aller Hintergründe im Ausland führt zu Spendeneingängen von insgesamt ca. 10.000 €, die aus Schweden, England, Deutschland, Österreich, Schweiz, Holland und sogar aus Neuseeland kommen. In Ägypten beteiligen sich ebenfalls Christen tatkräftig an der Hilfe. Neben einzelnen Spenden lässt etwa Frau Hanna Hartmann „Revolutions-Rosen“, silberne Broschen, anfertigen, deren Verkauf auch den Opfern zu Gute kommt. Der Weihnachtsbazar Kairo überstellt einen Teil seines Erlöses.

Mit diesen Geldern können nun zum Einen unterstützende Maßnahmen abgedeckt werden: Rollstühle, Gehstützen, medizinische Hilfsmittel und v.a. die Behandlungskosten für Arztbesuche und Folgebehandlungen, z.B. dermatologische bei Verbrennungen, werden bezahlt. Ich danke den Schwestern des Pelizäusheims für die Beratung und Hilfe beim Besorgen. Ein Löwenanteil deckt Kosten für größere Operationen, hier v.a. für Trommelfell-OPs und Leistungen, die in Ägypten durchgeführt werden. Des Weiteren kann Unterstützung geleistet werden, wo die Versorgung der Person oder Familie nicht mehr gewährleistet ist, weil jemand invalid geworden ist. Wir sponsern Weiterbildungen und neue Geschäftsideen. Man wünschte hier manchen Invaliden, dass sie eine Rente beziehen könnten, aber von etwas Derartigem habe ich bisher noch nicht gehört. Hier tragen die Familien und die koptische Kirche wohl die Hauptlast.

Im Sommer letzten Jahres stellt eine Physiotherapeutin aus Deutschland ihren Urlaub zur Verfügung und besucht die Meisten der multipel Verletzten, um ihnen Übungen zur Wiederherstellung von Knochen und Muskeln zu vermitteln. Die Resonanz ist leider begrenzt, da im Land eine andere Philosophie von PT vorherrscht.

Ich darf sagen, dass das Ziel, die besonders bedürftigen Patienten herauszufinden (etwa 25 Personen) und ihnen unkonventionell die benötigte Unterstützung zukommen zu lassen, nach meinem Kenntnisstand erreicht ist, auch wenn die Hilfe natürlich nur begrenzt sein konnte. Ich freue mich, dass in bescheidener Weise die nicht-koptischen Christen im In- und Ausland einen Beitrag leisten konnten, die schwer geprüften Kopten zu ermutigen und in schwerster Zeit zu unterstützen.
Birgit Hämmerle

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